28
Feb
2011
Michael Krax

Kurzer Abriss zur Theorie der Koordination

Was der britische Journalist, langjährige Herausgeber des Economist und Verfasser eines Kommentars zur britischen «Verfassung», Walter Bagehot, vor weit über einem Jahrhundert schrieb, gilt auch heute noch. Bagehot erkannte noch nicht die sich aus der Differenzierung der wissenschaftlichen Disziplinen und der staatlichen Aufgabenvielfalt ergebende Notwendigkeit zur Koordination, er spürte aber die enorme Kraft der Veränderungen. Noch bezeichnet Koordination einen logisch-grammatikalischen oder einen naturwissenschaftlichen Vorgang, der eng an Strukturen gebunden ist. Die Vorstellung, dass politisches Handeln (schon dieser Begriff ist unzeitgemäß) im modernen Sinne koordiniert, also aufeinander abgestimmt, werden muss, um die mit ihm verbundenen Ziele (mit möglichst sparsamen Ressourceneinsatz, also effizient) zu erreichen (Effektivität), war Bagehot fremd. Heute ist die Forderung nach Koordination alltäglich geworden, Raumplanung etwa stellt heute für manche Autoren ein Synonym zu Koordination dar. Gibt es ein Abstimmungsproblem zwischen Bund, Ländern und Kommunen, «funktioniert» etwas nicht, so wie es die Öffentlichkeit erwartet, so wird schnell die Forderung geäußert, es sei zu koordinieren --- dass damit oft die Vorstellung verbunden ist, der Bund solle ein Letztentscheidungsrecht wahrnehmen, weist darauf hin, dass Koordination auch verwendet wird, um andere Formen der Machtausübung zu verdecken. Koordination ist ein positiv besetzter Begriff, der dadurch dazu dienen kann, die Anwendung von Macht zu legitimieren. Damit ist das dieser Untersuchung zugrunde liegende theoretische Problem skizziert. Koordination wird zwar --- auch in der Politikwissenschaft --- vielfältig verwendet, doch sind deduktive Definitionen des Begriffs eine Rarität und für einen Vergleich operationalisierbare Konzepte fehlen vollständig. Zielt man also auf einen Vergleich von Koordinationsverfahren, so muss eine politikwissenschaftlich operationalisierbare Definition von Koordination gefunden werden. Koordination wird dabei (in dieser Arbeit) über «Macht» definiert und operationalisiert. In einem ersten Schritt erfolgt eine theoretische Durchdringung des Begriffs Macht (soweit im Rahmen der Arbeit erforderlich). Dabei zeigt sich, dass Macht legitimiert werden muss; Koordination stellt ein Instrument dafür dar. Deshalb ist daran anschließend zu untersuchen, wie Koordination zur Legitimation herangezogen wird, indem der Wandel der Bedeutungen (genealogisch) aufgezeichnet wird. Schließlich sind die gewonnenen Erkenntnisse auf den Prozess der Willensbildung anzuwenden.