Einführung zu politikwissenschaftlichen Definitionen
Die wenigen Definitionen von Koordination in politikwissenschaftlichen Arbeiten sind meist deduktiv und nur selten Versuche, den Gehalt des Begriffs präzise festzulegen. Geschieht dies, so widersprechen die Definitionen einander --- in der Regel ohne dass die Autoren begründen, warum ihre Definition «besser» geeignet ist, dem Phänomen gerecht zu werden oder warum sie genau die von ihnen beschriebene Form von Koordination vorziehen. Für eine frühe Kritik an der Verwendung des Begriffs Koordination vgl. \citet[133--135]{pressman79:_implem}, für die (bereits in der ersten Auflage 1973) gilt: \foreignquote{english}{Coordination has become a
tautology.}
\citet[148f.]{wright:_europ} etwa erkennt diese Problematik, in dem er konstatiert, dass die «public policy literature» bislang daran scheiterte, einen Rahmen zu liefern, der die verschiedenen Erscheinungsformen der Koordination verbinden
könnte.\footnote{Er wählt jedoch, wie andere auch, einen einfachen
Ausweg und verzichet darauf, eine operationalisierbare Definition
anzubieten: Er identifiziert vier Funktionen institutioneller
«leadership», die Hinweise auf die Ziele von Koordination zur
Verfügung stellen. Wrights präzise Darstellung von Anforderungen
und Instrumenten der europapolitischen Koordination ist allerdings
später aufzugreifen.}
Koordination als Prozess (``act of coordinating'') und Ziel (``the
bringing together of diverse elements into a harmonious relationship
in support of common objectives'',
\citet[145]{seidman98:_polit_posit_power}).\footnote{Der Abschnitt zu
Koordination hat sich von der zweiten zur fünften Auflage in seiner
grundsätzlichen Ausrichtung nicht geändert, vgl.
\citet[190--217]{seidman75:_polit_posit_power}.}
\foreignblockcquote{english}[145]{seidman98:_polit_posit_power}{Coordinating
machinery becomes necessary only when coordination cannot be
achieved by sound organization, good management, and informal
cooperation among agencies engaged in related and mutually
supporting activities.}
\foreignblockcquote{english}[145]{seidman98:_polit_posit_power}{Formal
coordinating processes are time-consuming and the results are
generally inconclusive. True coordination sometimes may be obtained
only by going outside the formal processes.} Problem bei Seidman:
Sieht Koordination erst als Verfahren nach der Zielsetzung; Lösung für
ihn besteht also darin, Programme widerspruchsfrei zu gestalten
(156f.), diese sollten nicht nur divergierende Gruppeninteresse
befriedigen.
%
Interessant: US-Policies gelten als unkoordiniert, wohingegen Schweden
für seine sehr gute Koordination konkreter Maßnahmen (und «Integration
staatlicher Policies») gelobt wird \cite[204]{feick88:_nation}.
Eine präzise --- und frühe --- Definition stammt von William T.
Goodman, der 1968 feststellte, dass Koordination
\hyphenblockcquote{english}[zit.
nach][20]{wildavsky98:_feder_polit_cultur}{requires a hierarchy of
units wherein the coordinator exercises supremacy and, at least,
tacit coercion against units lower in the hierarchy}. Zurecht
kritisiert \citet[20]{wildavsky98:_feder_polit_cultur}, dass
Koordination damit zum Synonym für \emph{coercion} werde.\footnote{Auf
den Unterschied zwischen Zwang (Herrschaft) und Koordination ist
noch detailliert einzugehen.} Eine vollständig anders geartete
Definition verwendet \citet[56, Fn. 8]{scharpf:_koord_verhan}, der
«Koordination [\ldots] als wohlfahrtsmaximierende Antizipation der
real interdependenten Folgen separater Entscheidungen»
beschreibt.\footnote{Vgl. \citet[58]{scharpf93:_posit_koord_verhan},
der Koordination «als ein wohlfahrtstheoretisches Konzept» definiert
und damit (spieltheoretische) «Formen der Abstimmung» meint, die
mehr als ein Nash-Gleichgewicht ermöglichen.} Zwar sieht Scharpf
gegenseitige Abhängigkeiten, verzichtet allerdings auf die bei Goodman
dominierende Zwangskomponente. Ergänzend sei auf die von
\citet[148]{mayntz75:_polic_makin_german_feder_bureauc} verwendete
Vorstellung von Koordination im «policy-making process» verwiesen, für
die die wenig geeignete Ministerialbürokratie der Bundesrepublik nur
«horizontal self-coordination» als Möglichkeit biete.
Zusammenfassend und mit Blick auf das Regierungshandeln definiert
\citet[30]{bull:_koord_regier} Koordination (aus eher
verwaltungswissenschaftlicher Perspektive) als «das Abstimmen
verschiedener Vorgänge und damit verschiedener Interessen
aufeinander». Dabei setzt er einen gegebenen Rahmen und eine
Handlung oder Entscheidung als Ziel voraus. Das mit der «Methode»
Koordination verbundene Zusammenführen von Auseinanderstrebendem zu
einer Einheit begreift er «auch unter dem Aspekt der politischen und
sozialen \emph{Integration}» (Hervorhebung im Original). Bull
behauptet zwar, dass Koordination durch das Ziel, Interessen \emph{auf
eine Entscheidung \emph{bzw.} Handlung} hin abzustimmen, sich
deutlich von der in «Organisationen ohnehin stets notwendige[n]
Kooperation» abgrenzen würde, doch leuchtet dies nicht ein. Bulls
Konzept gewinnt dadurch nicht an Trennschärfe, entspricht doch
entweder Koordination Kooperation oder einer Entscheidung, in deren
Vorfeld kooperiert wird, um die Entscheidungsfindung (bzw. deren
Umsetzung) zu erleichtern. (Abstimmung = Kooperation, Entscheidung;
keine Vermischung) Hinzu kommt, dass jenes Streben nach Einheit
deutlich über einen reinen Abstimmungsprozess hinausgeht, der nicht
notwendigerweise einheitliches Handeln oder einen gemeinsamen
Beschluss zum Ergebnis haben muss. Wie zu zeigen sein wird, kann
beispielsweise ein gleichgerichtetes Handeln als koordiniertes Handeln
verstanden werden, selbst wenn keine Kommunikation (keine Abstimmung)
zwischen den Akteuren stattfindet.\footnote{Der Aufsatz von
\citet[54]{fuerst:_koord_raump} im gleichen Band definiert
«Koordination in der Raumplanung» als «die nach einem
übergeordneten gesamthaften Zielsystem definierte räumliche und
sachliche Auswahl und Ordnung von Maßnahmen unter Berücksichtigung
der Beziehung dieser Maßnahmen untereinander.» Fürst weist zudem
richtig auf die Abgrenzungsschwierigkeiten hin, die sich aus den
angewendeten Mitteln ergeben. Im Bereich der Raumplanung sind
Fürsts Ausführungen korrekt.}
\blockcquote[38]{pusic:_regier_koord}{Wie kombiniert die Regierung
ihre verschiedenen Aktivitäten zwecks Erlangung möglichst effektiver
und harmonischer Resultate, d.\,h. wie koordiniert sie diese?}
Koordination durch standardisierte Verfahren ersetzen? (47)