09
Mar
2011
Michael Krax

Einführung zu politikwissenschaftlichen Definitionen

Die wenigen Definitionen von Koordination in politikwissenschaftlichen Arbeiten sind meist deduktiv und nur selten Versuche, den Gehalt des Begriffs präzise festzulegen. Geschieht dies, so widersprechen die Definitionen einander --- in der Regel ohne dass die Autoren begründen, warum ihre Definition «besser» geeignet ist, dem Phänomen gerecht zu werden oder warum sie genau die von ihnen beschriebene Form von Koordination vorziehen. Für eine frühe Kritik an der Verwendung des Begriffs Koordination vgl. \citet[133--135]{pressman79:_implem}, für die (bereits in der ersten Auflage 1973) gilt: \foreignquote{english}{Coordination has become a tautology.} \citet[148f.]{wright:_europ} etwa erkennt diese Problematik, in dem er konstatiert, dass die «public policy literature» bislang daran scheiterte, einen Rahmen zu liefern, der die verschiedenen Erscheinungsformen der Koordination verbinden könnte.\footnote{Er wählt jedoch, wie andere auch, einen einfachen Ausweg und verzichet darauf, eine operationalisierbare Definition anzubieten: Er identifiziert vier Funktionen institutioneller «leadership», die Hinweise auf die Ziele von Koordination zur Verfügung stellen. Wrights präzise Darstellung von Anforderungen und Instrumenten der europapolitischen Koordination ist allerdings später aufzugreifen.} Koordination als Prozess (``act of coordinating'') und Ziel (``the bringing together of diverse elements into a harmonious relationship in support of common objectives'', \citet[145]{seidman98:_polit_posit_power}).\footnote{Der Abschnitt zu Koordination hat sich von der zweiten zur fünften Auflage in seiner grundsätzlichen Ausrichtung nicht geändert, vgl. \citet[190--217]{seidman75:_polit_posit_power}.} \foreignblockcquote{english}[145]{seidman98:_polit_posit_power}{Coordinating machinery becomes necessary only when coordination cannot be achieved by sound organization, good management, and informal cooperation among agencies engaged in related and mutually supporting activities.} \foreignblockcquote{english}[145]{seidman98:_polit_posit_power}{Formal coordinating processes are time-consuming and the results are generally inconclusive. True coordination sometimes may be obtained only by going outside the formal processes.} Problem bei Seidman: Sieht Koordination erst als Verfahren nach der Zielsetzung; Lösung für ihn besteht also darin, Programme widerspruchsfrei zu gestalten (156f.), diese sollten nicht nur divergierende Gruppeninteresse befriedigen. % Interessant: US-Policies gelten als unkoordiniert, wohingegen Schweden für seine sehr gute Koordination konkreter Maßnahmen (und «Integration staatlicher Policies») gelobt wird \cite[204]{feick88:_nation}. Eine präzise --- und frühe --- Definition stammt von William T. Goodman, der 1968 feststellte, dass Koordination \hyphenblockcquote{english}[zit. nach][20]{wildavsky98:_feder_polit_cultur}{requires a hierarchy of units wherein the coordinator exercises supremacy and, at least, tacit coercion against units lower in the hierarchy}. Zurecht kritisiert \citet[20]{wildavsky98:_feder_polit_cultur}, dass Koordination damit zum Synonym für \emph{coercion} werde.\footnote{Auf den Unterschied zwischen Zwang (Herrschaft) und Koordination ist noch detailliert einzugehen.} Eine vollständig anders geartete Definition verwendet \citet[56, Fn. 8]{scharpf:_koord_verhan}, der «Koordination [\ldots] als wohlfahrtsmaximierende Antizipation der real interdependenten Folgen separater Entscheidungen» beschreibt.\footnote{Vgl. \citet[58]{scharpf93:_posit_koord_verhan}, der Koordination «als ein wohlfahrtstheoretisches Konzept» definiert und damit (spieltheoretische) «Formen der Abstimmung» meint, die mehr als ein Nash-Gleichgewicht ermöglichen.} Zwar sieht Scharpf gegenseitige Abhängigkeiten, verzichtet allerdings auf die bei Goodman dominierende Zwangskomponente. Ergänzend sei auf die von \citet[148]{mayntz75:_polic_makin_german_feder_bureauc} verwendete Vorstellung von Koordination im «policy-making process» verwiesen, für die die wenig geeignete Ministerialbürokratie der Bundesrepublik nur «horizontal self-coordination» als Möglichkeit biete. Zusammenfassend und mit Blick auf das Regierungshandeln definiert \citet[30]{bull:_koord_regier} Koordination (aus eher verwaltungswissenschaftlicher Perspektive) als «das Abstimmen verschiedener Vorgänge und damit verschiedener Interessen aufeinander». Dabei setzt er einen gegebenen Rahmen und eine Handlung oder Entscheidung als Ziel voraus. Das mit der «Methode» Koordination verbundene Zusammenführen von Auseinanderstrebendem zu einer Einheit begreift er «auch unter dem Aspekt der politischen und sozialen \emph{Integration}» (Hervorhebung im Original). Bull behauptet zwar, dass Koordination durch das Ziel, Interessen \emph{auf eine Entscheidung \emph{bzw.} Handlung} hin abzustimmen, sich deutlich von der in «Organisationen ohnehin stets notwendige[n] Kooperation» abgrenzen würde, doch leuchtet dies nicht ein. Bulls Konzept gewinnt dadurch nicht an Trennschärfe, entspricht doch entweder Koordination Kooperation oder einer Entscheidung, in deren Vorfeld kooperiert wird, um die Entscheidungsfindung (bzw. deren Umsetzung) zu erleichtern. (Abstimmung = Kooperation, Entscheidung; keine Vermischung) Hinzu kommt, dass jenes Streben nach Einheit deutlich über einen reinen Abstimmungsprozess hinausgeht, der nicht notwendigerweise einheitliches Handeln oder einen gemeinsamen Beschluss zum Ergebnis haben muss. Wie zu zeigen sein wird, kann beispielsweise ein gleichgerichtetes Handeln als koordiniertes Handeln verstanden werden, selbst wenn keine Kommunikation (keine Abstimmung) zwischen den Akteuren stattfindet.\footnote{Der Aufsatz von \citet[54]{fuerst:_koord_raump} im gleichen Band definiert «Koordination in der Raumplanung» als «die nach einem übergeordneten gesamthaften Zielsystem definierte räumliche und sachliche Auswahl und Ordnung von Maßnahmen unter Berücksichtigung der Beziehung dieser Maßnahmen untereinander.» Fürst weist zudem richtig auf die Abgrenzungsschwierigkeiten hin, die sich aus den angewendeten Mitteln ergeben. Im Bereich der Raumplanung sind Fürsts Ausführungen korrekt.} \blockcquote[38]{pusic:_regier_koord}{Wie kombiniert die Regierung ihre verschiedenen Aktivitäten zwecks Erlangung möglichst effektiver und harmonischer Resultate, d.\,h. wie koordiniert sie diese?} Koordination durch standardisierte Verfahren ersetzen? (47)